Jdi na obsah Jdi na menu
 


Sächsische Zeitung 8. 10. 2021

10. 10. 2021

211010_7.jpg

Renata Šoltová spinnt. Das ist keine Beleidigung, sondern sie tut es wirklich. Angetrieben mit dem Fußpedal, wickelt sie mit geübter Hand einen Faden aus dem Haufen Schafwolle auf die Spindel. „Wolle ist ein wunderbares Material. Ich stelle daraus fast alles her“, schwärmt die Frau mit dem rotbraunen Haar und verweist auf ihre Kollektion aus Mützen, Schals, Handschuhen und Socken. Auch in ihrer Garderobe ist Wolle breit vertreten. Sie zeigt stolz Pullover mit prächtigen Mustern. Für ihren Mann fertigte sie sogar eine Wollweste. „Die ist aus gröberer Wolle. Wenn man sie trägt, fühlt sich das fast wie eine Rüstung an“, führt sie das Kleidungsstück vor.

Man sieht den Sachen nicht an, dass ihre Schöpferin Autodidaktin ist und bis vor einigen Jahren nichts mit der Verarbeitung von Schafswolle zu tun hatte. „Das kam alles zu mir“, zuckt sie mit den Schultern. Dieses Schicksal in Form eines Spinnrads hatte offenbar ihr Talent geahnt.

„Mein Mann hatte das Spinnrad eigentlich nur einer Bekannten repariert, aber die überließ es dann uns. Also blieb mir nichts anderes übrig, als mich damit zu befassen“, lacht sie. 

 

Die Zeit schien still zu stehen
Alles begann, als sie mit ihrem Mann ein Haus suchte. „Es sollte ein originelles Haus sein, also schauten wir nach Fachwerk, Umgebinde und Ähnlichem. Mein Mann hatte zudem immer davon geträumt, ein Haus mit Bach zu haben“, sagt sie. Nachdem sie in der näheren Umgebung von Litoměřice (Leitmeritz), wo sie damals lebten, nichts fanden, wurde der Radius größer und führte sie vor vier Jahren letztendlich an einen Ort, an dem die Zeit stillzustehen schien: Krásný Les oder Schönwald, wie es früher hieß, direkt an der Grenze zu Sachsen.

 

Mühle unter Denkmalschutz
Hier kommt niemand zufällig vorbei. Zwar verläuft oberhalb des Ortes die Autobahn Dresden-Prag. Doch die Dorfstraße endet an der Grenze zu Sachsen und wird zu einem Weg. Mitten im Dorf steht die alte Mühle.

„Hier wohnte ein tschechisch-deutsches Ehepaar, das wegen der Mischehe nach dem Krieg bleiben durfte. Dadurch war noch vieles erhalten, was sonst verschwunden wäre. Das war genau das, was wir suchten“, erzählt Renata Šoltová. Die Mühle steht sogar unter Denkmalschutz. Mit ihrem Mann war sie sich schnell einig. Und die Eigentümer, die beiden Söhne des Paars, die inzwischen woanders lebten, waren froh, nach fünf Jahren endlich Käufer gefunden zu haben.

Tatsächlich besteht das Haus wie früher aus einem Mühlteil und einem Wohnteil. Die Kehrseite war, dass sie viel Arbeit in das Haus stecken mussten, bevor es wohnlich war. „Es gab nur ein Plumpsklo, einfache Fenster, kein Bad, veraltete Elektrik und wegen eines Hochwassers war der Boden abgesackt“, zählt sie auf. Zum Glück kann ihr Mann fast alles selbst machen.

 

Wohnen wie im Museum
Doch für sie ist der Erhalt des alten Hauses eine Herzensangelegenheit. Mit ihrem Mann teilt sie die Liebe zu alten Dingen. Das ganze Haus gleicht einem Museum, voll mit historischen Utensilien, vom Brotfach mit alter deutscher Aufschrift bis zu Kaffeemühlen und allerlei Gerätschaften zur Wolleverarbeitung, wie das Spinnrad. „Ich verarbeite die Schafwolle komplett natürlich, von der Reinigung in weichem Regenwasser ohne Zusätze über die Trocknung in der Sonne und dem Auskämmen“, erzählt sie. Die Wolle selbst stammt aus der Gegend von kleinen Schafhaltern im Erzgebirge. Auch die Färbung erfolgt mit natürlichen Stoffen. Nach dem Spinnen entscheidet sie sich meist fürs Stricken. „Ich kann aber auch Häkeln, Filzen und habe sogar einen Webstuhl“, sagt Šoltová. An dem ist gerade ein Teppich in Arbeit.

Ihre Wollsachen verkauft sie im Internet über „Fler.cz“ oder auf Märkten. Davon leben kann Šoltová jedoch nicht. Ihr Geld verdient die frühere Journalistin mit Lebensberatung. Ihr Mann arbeitet in einer Baufirma. „Ich bin froh, dass ich mit den Wollsachen kein Geld verdienen muss. Aus dem gleichen Grund produziere ich auch nur selten auf Bestellung“, verrät sie. Deshalb kann es leicht passieren, dass nicht jedes Kleidungsstück in der passenden Größe vorrätig ist.

 

Siegel Echt Erzgebirge
„Mir ist wichtig, diese traditionellen Handwerke zu erhalten und andere dafür zu begeistern“, betont sie. So veranstaltet sie regelmäßig Kurse und hat Schulklassen zu Gast. Ihre Wollsachen wurden zudem mit dem Gütesiegel „Regionales Erzgebirgsprodukt“ ausgezeichnet.

„Unser Haus steht für alle offen“, lädt sie zum Kommen ein. „Wir zeigen gern unsere Mühle und wie aus Schafwolle Kleidung wird“, spricht sie gerade auch Interessenten aus dem benachbarten Sachsen an. Zwar spricht sie kaum Deutsch, wie sie sagt. Aber vielleicht erfüllt sich so ein langgehegter Wunsch von ihr: Sie würde gerne Kontakt zu Gleichgesinnten auf der anderen Seite der Grenze aufnehmen, alte Strickmuster tauschen und so die historischen Bande wieder knüpfen.

Steffen Neumann

Text ist hier.

 

Komentáře

Přidat komentář

Přehled komentářů

Zatím nebyl vložen žádný komentář